Geistliches Wort für Juni/Juli 2021


MBuettner gruen 500pxan muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.
Apostelgeschichte 5,29

„Adel verpflichtet!“, heißt es in einem Sprichwort. Wir sagen es, wenn an eine Person mit angesehener gesellschaftlicher Stellung oder einem bestimmten Ruf entsprechende Erwartungen gestellt werden. Christsein verpflichtet, so könnte man es wohl übertragen. Denn dieses Wort aus der Bibel führt an die Anfänge des Christentums. Die Christen sind in Jerusalem in der Minderheit. Argwöhnisch werden sie von der religiöspolitischen Elite beäugt. Die Wundertaten der Apostel nach Auferstehung und Himmelfahrt des Herrn sorgen bei ihnen für Verärgerung und Angst. Getrieben von Eifersucht und Neid legen sie Hand an die Apostel und lassen sie ins Gefängnis werfen. Gott jedoch greift ein und verhilft ihnen zur Freiheit. Die Apostel aber kommen dem Auftrag Jesu Christi nach, das Volk zu lehren. Kurzerhand werden sie abgeholt und vor den Hohen Rat gestellt. Auf das strengste wurde ihnen untersagt, vom gekreuzigten und auferstandenen Herrn zu sprechen. „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“, erwidert Petrus. Mit dem Leben haben die Apostel später bezahlt, weil sie Gott mehr gehorchten als den Menschen.

Christsein verpflichtet! Denn als Christ ist man in der Heiligen Taufe von Gott geadelt worden. Zuvor schon von ihm wunderbar geschaffen, wird die Beziehung Schöpfer – Geschöpf durch die Heilige Taufe auf eine ganz neue Grundlage gestellt. Durch das Taufwasser ist die Beziehung Vater – Kind begründet und geknüpft. Jesus Christus ist das Fundament und der Heilige Geist derjenige, der dieses Band lebendig hält. Durch die Taufe von Gott geadelt sein, Kind und Erbe des ewigen Lebens zu sein, führt in die Verantwortung, auch als Christ sein Leben zu gestalten. Die Beziehung zum Dreieinigen Gott will gelebt sein. So stellt sich besonders in Konfliktsituationen immer wieder die Frage, wem ein Christ verpflichtet ist und wie er sich positioniert. Gewiss ist es bequemer, ungefährlicher, komfortabler, mit dem Strom der Zeit, der Ideologie, der Mehrheitsmeinung zu schwimmen. Wer auf der Meinungswelle surft, eckt in der Welt nicht an. Jedoch ist der Christ dann von Meinungen und anderen Menschen gemachten Entwicklungen abhängig. Er treibt eben in die Richtung, in die es viele zieht. Wer sich Menschen verpflichtet und ihnen folgt, kann mindestens enttäuscht werden, vielleicht gar Schlimmeres. Denn das hat die Geschichte, besonders unseres Volkes, ein- und nachdrücklich gezeigt. Führerwahn und Menschenvergötterung gepaart mit Erfolgsanbetung haben in die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts geführt mit Abermillionen von Toten und Ermordeten. Allerschlimmsten Falles endete der unkritische Gehorsam Menschen gegenüber in jener Katastrophe.

Christsein verpflichtet! Die Antwort des Petrus, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen, gibt durch alle Zeiten den Christen und der ganzen Kirche einen festen Orientierungspunkt. Wer Gott gehorcht und ihm folgt, richtet sich nach dem von Gott festgelegten Koordinatensystem des christlichen Glaubens. Gott gehorsam zu sein, heißt seinem Willen gemäß sein Leben zu gestalten. Ausdruck findet der Gehorsam in den Geboten. Zusammengefasst werden diese im Doppelgebot der Liebe: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst. (Lukas 10,27) Weil der Dreieinige Gott sich in der Heiligen Taufe mit den Seinen verbunden hat, er diese Beziehung zwischen sich und uns begründet hat, erwächst eine verantwortete Verpflichtung. Als Christ ist man Gott verpflichtet. Es ist die Antwort der Glaubenden auf das, was der Dreieinige Gott für uns getan hat. Zu dieser verantworteten Verpflichtung als Aufgabe, dem Willen Gottes gemäß zu leben, gehört eben auch, Gott und den Nächsten zu lieben. Allem, was dem Willen Gottes widerspricht, muss ein Christ widersprechen und sich widersetzen. Denn sein verpflichtender Gehorsam gilt kraft seiner Taufe dem Dreieinigen Gott und keinem Menschen. Diese Verpflichtung Gott gegenüber kann uns als Kirche und als einzelne Christen in Widerspruch zu vorherrschenden Meinungen innerhalb der Gesellschaft führen. In manchen Gegenden dieser Erde müssen es Christen spüren, was das heißen kann, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen. Anschläge gegen Christen in verschiedenen Teilen dieser Erde, Verhaftungen von Christen in Nordkorea, Untergrundgemeinden im Iran. Den Berliner Pastor Dietrich Bonhoeffer führte sein Gehorsam Gott gegenüber 1945 an den Galgen im Konzentrationslager Flossenbürg. Auch wenn es bei uns nicht auf Leben und Tod geht, so gilt es in unseren Tagen doch, auf verschiedene Fragestellungen die angemessene Antwort zu finden, wo wir Gott mehr zu gehorchen haben als den Menschen.

Christsein verpflichtet! Auch der Augustinermönch Martin Luther beugt sich nicht und legt sich mit Kirche und Kaiser in Worms an. Am 17. April jährte sich dieses Ereignis zum 500. Mal. Kaiser Karl V. gab dem Drängen Friedrichs des Weisen nach, Luther vor einer Verurteilung eine Anhörung und freies Geleit zu gewähren. Jedoch hatte der Reichstag kein Interesse daran, die Wittenberger Reformation neutral zu verhandeln. Bekanntlich widerrief der Augustinermönch nicht, sodass die päpstliche Verurteilung in Geltung blieb und der Kaiser gemäß kirchlicher Ordnung die Reichsacht über ihn und seine Mitstreiter verhängte. Vor Kaiser und Reich sagte Luther: „Wenn ich nicht durch Schriftzeugnisse oder einen klaren Grund widerlegt werde (denn allein dem Papst oder den Konzilien glaube ich nicht, da es feststeht, dass sie häufig geirrt und sich auch selbst widersprochen haben), so bin ich durch die von mir angeführten Schriftworte bezwungen. Und solange mein Gewissen durch die Worte Gottes gefangen ist, kann und will ich nichts widerrufen, weil es unsicher ist und die Seligkeit bedroht, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen. (Das oft zitierte Wort: „Ich kann nicht anders, hier stehe ich.“ ist erst später überliefert.) Das so genannte „Wormser Edikt“ stellte ein Verbot der lutherischen Reformation dar und war bis zum Augsburger Religionsfrieden 1555 in Geltung. Auszurichten vermochte das Edikt jedoch wenig, da der evangelischen Bewegung um Martin Luther nicht Einhalt geboten werden konnte. Luthers Kurfürst Friedrich inszenierte zudem eine Scheinentführung und versteckte seinen Mönch auf der Wartburg. Als Christen geben wir uns zu erkennen und zeigen Haltung, weil es uns mit in die Taufe gelegt ist: Christsein verpflichtet!

Herzliche Grüße
Ihr Pastor Markus Büttner